Erwachen ist zig Male geschehen. Es ist nicht nur einmal geschehen, nein immer und immer wieder, in kleinen Etappen, in großen Schritten, je nach dem, wo ich mich gerade befand. Es hing immer irgendwie von meinem gerade gegenwärtigen Geisteszustand ob, oder aber von der Umgebung, in der ich mich gerade befa
nd. Ich meine, es ist nicht so sehr geschehen, dass ich mir Datum und Tag oder sogar das Jahr gemerkt hätte, es kam einfach so über mich und hinterließ jedes Mal eine tiefe Freude in mir. Doch es war niemals so, als hätte ich Erwachen erfahren, so anmaßend war ich dann doch nicht. Es geschah schon in meiner frühen Kindheit, ich weiß es, weil ich immer nur nach einer Sache gesucht habe – Gott. Obwohl ich nicht zu beschreiben vermag, wie sich dieses Gefühl oder die Suche selber spürbar und erfahrbar gemacht hatten, weiß ich dennoch, dass es sich bei mir um die einzige wahre Suche gehandelt haben muss, die Suche nach Gott oder dem Höchsten, wenn man es so nennen möchte. Ich konnte als Kind einfach nicht begreifen, was hinter all DEM steckt. Und so kam, was immer kommt, ich wurde ein Suchender. Immer und stets, kann man sagen, war ich innerlich auf der Suche nach dem, was hinter all dem steckt. Ich war jedoch nicht von einer Neugier, die dem Leben seinen Drive fasziniert, es war eher so etwas, wie Verzweiflung, da ich erkannte, dass ich, wenn ich Es nicht finden würde, niemals glücklich sein könnte in Zukunft. Aus meiner Sicht war das Leben eher ei-ne Qual, als ein Genuss. Immer war ich mit der Frage nach dem Sinn hinter den Dingen beschäftigt. Es kam soweit, dass ich weder in der Schule noch zuhause imstande war, mich auf eine Sache zu konzentrieren. Und obwohl ich nicht wusste, was ich da tat, so ist mir zumindest heute bekannt, dass es die sehnsuchtsvolle Suche nach der Wahrheit war, die mich antrieb. Wenngleich sie mich auch nirgends anders hintrieb, als in oftmals tiefe Grübeleien. Aber dennoch: ich habe gewusst, dass es mehr geben musste, als das übliche Auge aufzunehmen vermochte. Ich konnte sagen, dass ich es wusste und gleichzeitig nicht wusste, wie „offensichtlich“ alles für mich war. Das, was ich zu suchen glaubte, musste hier direkt vor mir liegen, es konnte unmöglich nicht vor mir liegen. Immer wieder kamen mir solche Bilder, dass Gott nicht da oben hausen musste, sondern direkt hier, ja direkt in dem, was hier ist. Ich wusste, Gott war alles und in allem, er war niemals getrennt von mir und ich war niemals getrennt von ihm. Es gab ein Verständnis, das sehr, sehr subtil und feiner, wie Seidenpapier schien. All meine Bemühungen, es zu finden, schlugen fehl, und so kam ich zu dem Schluss, dass es vielleicht doch da draußen sein müsse und das war der Beginn meiner Suche, es war die Geburt des Suchers. Es begann das Leben des Suchers. Dieser Suche war im weiteren Lauf seines Lebens jedoch niemals bereit große Schwierigkeiten auf sich zu nehmen, um es auch zu finden. Immer begleitet von dem stillen Wissen, dass es eben doch nicht dort draußen sein konnte.
Die häufigen Male, in denen Erwachen passierte, kamen viel, viel später in mein Leben. Und es ist hier auch nicht wichtig, wie oft und wodurch sie ausgelöst wurden. Und obwohl sie sich in ihrer Dauer und Art sehr zu unterscheiden schienen, kann ich doch von einem im innersten Kern identischen Erleben sprechen. Es war immer so, dass ich zurückblieb – ja, an das, was zurückblieb kann ich mich am besten erinnern – in einer Freude, die mich umgab und mir zu verstehen gab, dass es weder irgendetwas zu fürchten, noch, etwas weiteres zu erfahren oder zu erleben gäbe, dass DEM je gleichzusetzen wäre. Es war ein Gefühl und zugleich war es nur ein pures, immerwährendes Wissen, wie wirklich “OK“ jetzt alles war. Das Universum schrumpfte auf meine Größe und zugleich wurde ich größer als ein Universum – ja, ich war das Universum und es war ich. Das Universum wurde zu dem, was ich bin. Getaucht in tiefes, friedliches Sein und ei-ner Bereitschaft, “ES“ so zu lieben, wie es ist, immer war und sein wird. Zugleich war da niemand mehr von Bedeutung, der all dies erfuhr. Es war kein “Ich“ mehr da, dass dieses erfuhr, es erfuhr sich selber. Dennoch gab es kein goldenes Licht oder ein Gefühl körperlicher Ekstase, das dies begeleitet hätte, nein, es schien beinahe nüchtern und ohne jeden Schnörkel einfach da zu sein, um zu sagen: „Es ist vo-bei, es war immer schon vorbei, nichts hat es je anders gewollt, als so. Es ist so, und darüber hinaus ist nichts, nur so, nur das.“ Es schien mich zu umgeben, ganz in sich aufzunehmen – ich war gleichzeitig erfüllt von ihm und auch war es erfüllt von mir. Da war keine Trennung, kein jemand, der etwas zu erfahren schien, obwohl alles unendliche Erfahrung war. Eigentlich gab es nur Erfahrung, alles wurde zu wahrnehmender Erfahrung ohne Wahrnehmenden – da war nur Wahrnehmen ohne Wahrgenommenes. Das war das höchste Wissen, ein Wissen, das nicht zu wissen brauchte, weil es nichts zu wissen gab.
Alle meine Erfahrungen, die ich gemacht hatte, hatten dieselbe Wirkung auf mich, auf mich, den es gar nicht gab und der er auch keine Erfahrungen gemacht hatte – und schon gar nicht aus eigenem Anlass -, sie ließen eine tiefes „Einverstanden sein“ in mir zurück. Rückblickend haben jene Erfahrungen einfach den Wert von Erfahrungen. Und Erfahrungen sind so, wie der Finger der auf den Mond zeigt – sie sind nicht DAS. Auch diese Erkenntnis entstammt aus eben diesen Erfahrungen, die nicht der Mond selber sind. Aber was wären wir manchmal ohne Finger? Nun denn, alles. Doch alleine die Erinnerung an sie, die Erfahrungen der Einheit, vermag zum Absoluten zurückzuführen. Etwa so, wie jemand, der an die duftenden Blumen des Frühlings denkt und dem unmittelbar ihre Schönheit klar wird, ja, dem sie vor Augen tritt, so werden die Erinnerungen an DAS zu einer Art Wissen, das einfach immer da ist – es ist das Wis-sen das niemals endet und niemals begonnen hat.
Ich habe im Laufe der Jahre herausgefunden, dass das Leben einfacher wird, doch nicht unbedingt leichter. Zumindest ist das bei mir nicht der Fall. Immer noch nervt es, wenn unbezahlte Rechnungen ins Haus flattern, die Bank wieder Ärger macht mit dem überzogenen Konto und die Partnerin zum x-ten Male an mir herumnörgelt. Natürlich habe ich auch gedacht, es würde einfacher, dass eine Art ewiger Schwebezustand erreicht würde und einen die so genannten äußeren Dinge und Angelegenheiten nicht mehr bekümmern würden. Nein, es schien mir eher umgekehrt abzulaufen, so dass die Dinge noch praller und verwickelter wurden. Das war zumindest am Anfang noch sehr stark der Fall, und es schien eine Art Reinigung stattzufinden.
Nein, wirklich, das Leben wird einfach, doch nicht unbedingt leichter. Ich meine, es kann leichter werden, sicher eher, als zuvor, doch hier müssen wir hier aufpassen: ein “Zuvor”, wie wir es uns vielleicht vorstellen, hat es niemals gegeben, und auch ein „Danach“ gibt es nicht. Das sind alles illusionäre Konzepte des Verstandes, ES einfangen zu wollen. Und Erwachen geschieht immer wieder neu: jetzt.