Wen kümmert's schon?

Veröffentlicht durch Gerd um 16:03 Essays Kommentare hinzufügen
Jan 062010

Wen kümmert es schon, ob du erwachst? Der Erleuchtung ist es egal, ob du sie erreichst. Das, was erwachen kann ist immer schon erwacht – sonst wird nichts erwachen.

Es beginnt eigentlich erst dann. Vorher gab es viel Versuche, zu leben und das Leben darin zu suchen, übermäßig viele Anstrengungen zu unternehmen. „Das Erwachen braucht uns nicht, aber wir brauchen das Erwachen“ könnte man sagen. Das soll bedeuten, alles ist immer schon wie es immer war, im zustandslosen Zustand des Erwacht-Seins. Wo sollte das Sein sich sonst aufhalten, welche entlegenen Winkel des Universums sollte es wohl sonst aufsuchen. Das Sein ist immer da, und wir sind es. Du bist es, du warst es zu keiner Zeit nicht. Es ist alles immer schon da, alles, was ES sein kann. Ich bin ES, obwohl ich es nicht bin. Doch ES ist ich, als ich. Das Universum ist es selber als ich, als Du, als Er, als der Fisch im Wasser und der in der Pfanne. Niemals war etwas anderes, als DAS.

Wieso wir auf die Suche gehen, liegt in unserer Natur. Das Leben selber erlebt sich im Zustand des Suchers, des Suchens, desjenigen, der immer das will, was gerade nicht ist. Es gibt also keine Chance, es zu ändern und niemanden, der es ändern könnte. Weil da kein Jemand ist und auch kein Niemand, der seine eigene Abwesenheit wahrnehmen könnte. Deshalb ist es auch nicht richtig zu sagen, dass wir nichts tun können. Es ist vielmehr so, dass da niemand ist, der „etwas“ oder „nichts“ tun könnte. Nichts zu tun, bedeutet auch etwas. Weder das eine noch das andere, aber nicht der mittlere Weg, wie er im Buddhismus beschrieben wird. Gehen wir also davon aus, dass nichts getan werden kann, bedeutet das keineswegs, die Hände in den Schoß zu legen. Wenn Tat geschieht, dann tun wir, was nahe liegt, wenn keine Tat zu vollbringen ist, dann tun wir nicht(s). Weder Tun noch Nicht-Tun und zugleich sowohl Tun als auch Nicht-Tun sind der Weg der nicht gegangen wird; es ist mehr diese Art von Weg, wie wir eine Art zu sein beschreiben würden. Die Gedanken folgen sich selber, es braucht und gibt niemanden, der Herr oder Besitzer der Gedanken wäre. Der Verstand und der Gedanke sind identisch und finden sich manifestiert als Denken selber wieder. Wenn gedacht wird, dann ist „Denken“, alles, was es in diesem Moment gibt. Es ist immer nur alles, was es gibt. Nicht einmal der Moment ist real, weil sich sonst zwischen dem Denken und dem Moment etwas dazwischen schieben könnte. Doch diese Vorstellung ist selber nur ein Gedanke, der sich als wiederum neues und einzigartiges Sein zeigt. Da ist weder ein Ende dieses Denkens noch jemals ein Anfang des Denkens.

Des Menschen ganzer Stolz scheint sein Denken zu sein. Sich vorzustellen, das Leben, wie es einst sein könnte, sich vorab auszudenken, sich eine Vorstellung davon zu machen, um es dann irgendwann in der Zeit – die nicht existiert – zu verwirklichen. Zu verwirklichen zu etwas, das selber keinen Bestand mehr hat, wenn es dann verwirklicht wurde. Denn wenn ich sage, dass ich etwas verwirklichen möchte – die Betonung liegt auf möchte – dann befinde ich mich ausschließlich in Gedanken, denn dieser Gedanke ist in dem Moment alles, was es da ist. Und wenn ich mir Vorstellungen über einen gewünschten Zustand mache, der in Zukunft eintreten sollte, dann ist wiederum alles, was es in diesem Moment gibt, dass ich mir Gedanken um ein zukünftiges Ereignis mache. Ich sehe, dass ich am Ende niemals irgendwo ankomme. Dieses Ankommen ist eine Illusion, ebenso, wie die Vergangenheit eine Illusion ist, die nur in der Gegenwart in Form einer Erinnerung an etwas, dass anscheinend geschehen ist, in/als (meinem) Bewusstsein auftaucht.

Was also existiert dann überhaupt?
Nichts und alles!

Nichts und alles, weil „alles“ existiert, was wir uns vorstellen (als Vorstellung) und „nichts“, weil es keine eigene, unabhängige Existenz von irgendetwas gibt. Nichts ist unabhängig, doch alles ist frei in dieser Nicht-Unabhängigkeit. Das Einzelne, das Individuelle betrachtet, gibt es Abhängigkeit von scheinbar anderen Individuen oder Lebensumständen. Wenn wir jedoch als das Leben selber funktionieren, gesehen, dann sind beide Begriffe ad Absurdum geführt. Nur in unserem kleinen Verstand, der nur ein Gedanke und in diesem Moment stattfindet, läuft das ab, was wir unser und das Leben andere nennen. Der Verstand kann nicht sehen, dass er ein Teil dessen ist, das er selber erklären und worüber er die Herrschaft haben möchte – wie absurd.

Wir können entspannen und einfach genießen, können vertrauen, weil alles, was zu existieren scheint, nur das ist, was schon immer hier und jetzt war. Das ist alles – das ist, was es ist. Es gibt nichts mehr darüber zu sagen. Alles, was ist, ist.

Dann kommt wieder der Verstand, der sagt, aber dann muss ich ja nichts mehr tun.
Das ist richtig, noch ist es nicht richtig. Es geschieht einfach, was geschieht. Vielleicht geschieht es, dass jemand denkt, er könnte jetzt nichts mehr tun. Dann ist genau dies, was geschieht. Wenn jemand beginnt, große Veränderungen in der Welt in Gang zu setzen, dann ist auch das nur, was geschieht. Man könnte sagen, es geschieht niemals etwas und man kann sagen es geschieht immer etwas. Auch diese beiden Aussagen widersprechen sich überhaupt nicht. Es sind eben nur zwei mit dem Denken gemachte Aussagen über ein nicht zu begreifendes Sein, dessen eigenes Phänomen es ist. Das Denken ist ein Phänomen des Abwesenden, des ewig Unsichtbaren, es ist sozusagen nur eine Erscheinung innerhalb von DEM.

Du bist so sehr das, dass du es selber nicht sehen kannst. Du wirst es auch niemals wirklich sehen können. So, wie die Augen sich selber nicht erblicken können und die Nase sich nicht selber riechen kann. Es zu erklären, heißt, es zu verfehlen. Doch warum so viele Worte darüber verlieren. Aber wer verliert denn Worte und worüber? Es geschieht nur Klang und es scheint dem Klang zu gefallen, sich zuzuhören und dabei in sich selber zu verschwinden. Es ist, wie es der Wunsch des Apfels ist, zu reifen, somit es auch der Wunsch gewisser, anscheinender Personen, Worte über unsagbar interessante Dinge zu verlieren. Alles, was gesagt wird, ist nicht wichtig, aber es kann gewiss interessant sein für niemanden.

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