Der Tod ist dann, wenn du nicht (präsent) bist. Der Tod in Gedanken, beschreibt ein Ende, das dich zu betreffen scheint, doch wer ist derjenige, der stirbt und wer derjenige, der den Tod erfährt?

Kannst du wirklich ohne den Gedanken auskommen, dass es den Tod nicht gibt und er dich niemals ereilen wird, oder willst du dich nur vom Eigentlichen abwenden aus angst, dass auch du zu den Auserwählten gehörst?

leben-todWenn du ehrlich zu dir bist, dann wirst du niemanden entdecken, der dich von dir und deinem Tod befreien kann – weder von deiner Angst vor dem Tod, noch von deiner Angst, vor dem Versagen im Leben.

Alles Leben fließt aus dem heraus, was am ehestes mit Tod bezeichnet werden könnte – das Nicht-Existierende. Doch da das Nicht-Existierende ja nicht existiert, kann es auch nicht erfahren oder erfasst werden. Nur sein können wir es, nur sein!

Wer kann wirklich wissen, was es bedeutet zu leben? Der, der lebt. Wer kann wirklich wissen, was es bedeutet, zu sterben? Der, der stirbt.

Wenn derjenige, der stirbt und derjenige, der das Sterben wahrnimmt, der Gleiche sind, wie kann dann Sterben existieren? Nur im Sein, das du bist!

Wenn es ein Sterben gibt, dann scheint es immer dann stattzufinden, wenn der Beobachter nicht anwesend ist, oder wenn das Objekt der Beobachtung (das Sterbende) in einer anderen Perspektive zu existieren scheint, als der Beobachter.

Wenn Tod die Abwesenheit von Leben bedeuten soll, wie um Gottes Willen, haben wir dann dies herausgefunden? Ist der Tod und das Leben nicht Beides, nur ein simpler Trick des Seins, Spannung zu erzeugen? Oder existiert nicht einmal das Sein? Und was bedeutet es überhaupt, zu sein?

Welche Fragen kannst du stellen, die noch genug Stärke und Kraft besitzen, einer Untersuchung wie dieser standzuhalten?

Lass einmal deinen Körper, deine Geschichte, die Zeit, deine Eltern, den Morgen und den Abend, die unterschiedlichen Jahreszeiten, die Schulzeit, die Ferien mit deinen Eltern, deine Kindheitserlebnisse, deine Geschenke, alles beiseite und …sieh.

Sieh einmal das was da ist, als das was da ist und betrachte es, als ob es das letzte Mal und das erste Mal ist, dass du es wahrnehmen kannst und konntest. Wo existieren jetzt Zukunft, wo Vergangenheit und wo die Gegenwart, in der dein Körper existiert?

Tod ist, was nicht ist. Gedanken über etwas, die nicht repräsentieren, was jetzt ist und die uns in das Nicht-Existierende zu führen scheinen und uns damit vom “So-wie-es-ist” wegführen, sind Tod. Wenn ein (angenommenes) Etwas als “nicht mehr lebend” bezeichnet wird, bekommt es die Eigenschaft “tot”. Was ist nötig, nicht “tot” zu sein?

Gerd

Aus sich hinaus gegangen

Etwas kühler als sonst ist heute die Luft, einfach besser zu ertragen. Ich sitze im Café, habe mich etwas zurückgezogen nach dem ich mein ayurvedisches Mittagessen genossen habe – endlich mal wieder eine warme Mahlzeit, nachdem ich nunmehr seit nahezu zwei Wochen von Rohkost lebe, die mir nebenbei bemerkt sehr gut bekommt. Heute bin ich in seltsamer Art und Weise erfüllt von eigenen Sein. Ich erinnere mich an eine Schilderung in Suzanne Segal’s Buch “Kollision mit der Unendlichkleit” wo sie durch Landschaften fährt und dabei feststellt, dass sie eigentlich durch sich selber zu fahren scheint. Das erinnert mich an ein eigenes Erlebnis, dass ich vor einem Jahr hatte und das ich als „ein Gehen durch mich selbst“ bezeichnete. Es war am 28. März 2003, mitten in der Nacht, ich musste aufstehen, um zur Toilette zu gehen. Während ich durch den langen Korridor unserer Wohnung ging, bemerkte ich, dass ich mich nicht durch die Wohnung, sondern durch mich selber bewegte. Am nächsten Morgen schrieb ich in meinen elektronischen Kalender folgende Worte:

“In dieser Nacht wurde ich wach mit dem Bewusstsein, dass nichts wirklich existiert. Zunächst war ich ängstlich, aber dann – heutemorgen – ist es wie eine Befreiung vom Leid des Denkens.“

Ich will jetzt meine Gedanken ändern, will sie einordnen und weiß nicht einmal, ob es überhaupt meine Gedanken sind, die ich da denke. Ich möchte gerne glauben, dass es meine Gedanken wären, die ja so wertvollen Gedanken, die doch soviel zu sagen wissen. Ja, ich nehme mich wichtig, aber auch das ist lediglich Gedanke, und zwar jener, von dem ich keinesfalls weiß, zu wem oder was er gehört.

Kann ich die Gedanken einfach auf sich selber wirken lassen, ihnen weniger Aufmerksamkeit schenken, ohne sie gleich abweisen zu müssen? Vielleicht ist oder wird es mög-lich, ich weiß es nicht genau. Ich werde sowieso nie etwas wissen, außer dem, was mit dem Verstand zusammen hängt und daher nur Wissen innerhalb des Verstandes ist. Es ist alles nur eine endlose Beschäftigung mit dem Nicht-Verstehen dessen, was abläuft. Kann sein, ich täusche mich, doch wer ist da, das zu bestimmen. Ich werde nicht in Verzweiflung darüber enden, weil ich wissen will und doch nicht verstehe. Da ist einfach dieses Wissen, nichts zu wissen und das schon seit der Kindheit. Ja, ich habe schon als Kind von diesem Nicht-Wissen gewusst, und doch war da niemals ein Verstehen gegenwärtig. Was also soll all die Fragerei? Was soll ich anfangen mit dem Wissen nichts zu wissen? Und wer überhaupt kann es haben? Also ertappe ich mich wieder und wieder dabei, diese unsinnigen Fragen zu stellen und auch noch aufzuschreiben. Was versuche ich damit bloß zu erreichen? Ist es einfach die Faszination, der Wahrheit doch niemals auf die Spur kommen zu können? Wieso eigentlich gibt es immer wieder den Begriff der Wahrheit, ist er etwa mit „Wirklichkeit“ nicht angemessen übersetzt? Ich meine die Wirklichkeit, die jetzt stattfindet, braucht doch niemals so etwas wie die Wahrheit. Wahrheit scheint mir ein Begriff zu sein, der auf etwas hinweisen will, auf etwas, das hinter all den Dingen steht, was den Dingen und Geschehnissen sozu-sagen eine Seinsberechtigung geben will – welch ein Unsinn. Wahrheit kann nur sein, was ist, und das einzige, was ist, ist Wirklichkeit. Alles, was über diese Wirklichkeit hinausgeht, ist Spekulation des Verstandes. Somit scheinen mir Wahrheit und Wirklichkeit ein und dasselbe zu sein.

Es gibt eine Wirkung dessen, was ist. Jedoch ist es keine Wirkung, der eine Ursache vorausgegangen wäre, es ist einfach nur diese Wirkung. Das, was hinter dieser Wirkung steht, das was die Essenz ist, ist selber diese Wirkung. Es ist das, was ich, du, er, sie, es, ihr ist, bin, bist, seid.

In dem zu sein, einfach nicht woanders sein zu können, das ist es. Dies zu erkennen bedeutet, es zu sein. Man möchte meinen, es noch intensiver sein zu können, doch es geht nicht mehr. Nichts geht mehr, du kannst dem nichts hinzufügen. Du möchtest es manchmal, weil du so voller Freude über das Leben bist. Weil du so tief in dir spürst, dass es DAS ist und immer war. In jedem Schmetterling, der sich auf eine Apfelblüte setzt ebenso, wie das schmierige Öl, das von der Wand tropft, das jemand vergessen hat abzuwischen. Das niedrigste Tal ist der höchste Gipfel, das Einsame wird offen und laut, niemand kann seine Ruhe stören. Niemand da, der stört. Wenn du erkennst, wie alles das EINE ist, auch wenn es nicht ein Ding ist, dann besteht Freiheit nicht mehr darin, es anderen Recht zu machen, noch andere zu begrenzen oder zu beurteilen – ein Urteilen wird zu einem unmöglichen Unternehmen und lächerlich. Un doch: sich lächerlich zu machen wird zum höchsten Glück, ebenso wie einen Sieg zu erringen. Was für einen Unterschied kann ich finden? Wie sollte ich je fähig sein, das da abzuweisen und mich komplexen Gedanken über das Leben hinzugeben? Nichts davon ist mehr wahr, alles verliert seine Bedeutung und hat sich von dem, was DU zu sein schienst, verabschiedet. Es ist ein Abschied für immer, einer, der nicht bereut wird. Wohin könnte ich es schon verabschieden? An welchen Ort könnte es gehen? Es gibt keinen anderen Ort, als diesen hier. Aber nicht mal dieser hier ist in Wirklichkeit ein Ort. Ein Ort setzt einen zweiten, einen davon davon verschiedenen voraus. Doch wo sollte ein solcher anderer Ort existieren?

Wir können dem Sein nicht die Lektionen vorschreiben, die es vergibt. Keine davon ist persönlicher Natur. Es gibt nichts Persönliches, sondern nur die ewige in sich selbst vollendete Stille des Gewahrseins. Dies ist es selbst, was Buddha oder Gott, Höchste Wahrheit, Erleuchtung oder der Eine Geist ist. Alles ist in sich selber enthalten und besteht ohne jegliche Lokalisation oder Substanz. Es ist in einem Tautropfen, als Sonnenuntergangin befindet es sich in einer Pfütze, oder lässt den Motor eines Autos aufheulen.

…die Ruhe in einem Kloster ist lauter, als die 6th Avenue in New York. Der Vogel lernt gerade erst fliegen und die Kuh gibt keine Milch. Gebäude stürzen ein, bevor sie gebaut werden, der Rasenmäher wird vom Gras gemäht und der Gärtner lässt den Rasen stehen bevor er zu lang wird. Jeder Text entbehrt der Sprache, die er auszudrücken beabsich-tigt. Alle Reime kehren in den Unlaut zurück. Niemals wurde ein Wort gesprochen, noch hat jemals einer aufgehört zu reden. Die Klänge gehen hinaus in die Stille, um sich in ihr aufzulösen, aus der sie einst kamen.

Diese Gedanken scheinen jeder Logik zu entbehren und sie tun es auch. Logik ist nur im Verstand und alles, was vom Verstand beschrieben, erforscht und erkannt werden kann ist selber Verstand. Das Sein liegt jenseits davon, und doch ist es genau vor unseren Füssen und lächelt uns auf halber Höhe zu. Der Verstand liebt das Statische, das Unbewegliche, obwohl er selber den ganzen Tag beschäftigt ist mit Tun, Ausdenken und Planen. Ja, er plant den Stillstand, plant das Ende des Leidens, will das vollkommene Glück voraussehen und das möglichst für immer. Das ist das Paradoxe am Verstand, dass er einerseits ständig in Bewegung ist und auf der anderen Seite aber Sicherheit, Verlässlichkeit, Stillstand will. Er verbindet mit diesen Eigenschaften eben einen auf immer und ewig sicheren Zustand. Er will die Ewigkeit für den Körper, will, dass der Körper hundert und mehr Jahre alt wird. Doch alt sein will er nicht – der Verstand, der sich ja selbstverständlich mit dem Körper identifiziert. In dem Wunsch ewig hier zu sein verbirgt sich paradoxerweise die Sehnsucht nach dem Höchsten, dem Wahren, oder, wenn man so will, nach Gott. Der Verstand glaubt, dass Gott ebenfalls, so wie er selber, das perfekte Bild von Ewigkeit im Körper oder in sonst einem Ding sei. Wenn also alles so gemacht wird, dass die Dinge von Dauer sind, dann glaubt der Verstand, er habe sich dem Göttlichen etwas genähert. Doch im Gegenteil: Gott ist eben gerade genau das Gegenteil, oder besser gesagt, jenseits von beidem. Gott ist eben dieses (für den Verstand) Vergängliche, dass immer in Veränderung Befindliche. Und darin ist ER ewig, unendlich und unsterblich, niemals geboren oder gestorben. Und genau das bist DU SELBST. Dass ist das einzige Selbst, was du bist, alle anderen so genannten Selbste sind Erfindungen des Verstandes.

Alles im Leben befindet sich in ständigem Auflösen, nichts wird jemals fertig gestellt, noch hat jemals etwas begonnen. Es hat niemals seine fertige Form gegeben, und keine ist das Resultat von irgendeiner Ursache. Das zu wissen, wirklich, wirklich, wirklich zu wissen, ist das unendliche Verstehen. Dieses Verstehen ist jedoch niemals persönlich. Die Wirklichkeit wird vom Persönlichen nicht berührt, sie kann ohne das Persönliche auskommen.

Der Begriff Erleuchtung wird immer wieder vom Persönlichen abgekoppelt, weil es niemanden mehr geben könne, wenn Erleuchtung eingetreten ist. Doch scheint mir der Begriff immer noch auf etwas hinzuweisen, was an eine Person gebunden ist. Fragen wir uns, ob das Wahre, die Höchste Wirklichkeit so etwas, wie Erleuchtung braucht. Wenn das Verstehen eingetreten ist, bedeutet es, dass nur noch die Wahrheit anwesend ist. Und die war schon immer anwesend, nur mit dem Unterschied des Verstehens. Wenn ich das Verstehen also Erleuchtung nenne, dann scheint Erleuchtung immer auf eine Person zuzutreffen. Nur, dass sie sich nicht mehr identifiziert mit einer Person – es wird erkannt, das eine solche niemals gegeben hat.

Bern, August 2004, Gerd